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Im Rückspiegel 32.AvD-Oldtimer-Grand-Prix Nürburgring
Der Mann hat Benzin im Blut und wirklich alle Hände voll zu tun am Castrol-S: Ein Fotograf ganz in der Nähe vor der Leitplanke. Die Rennleitung, immer oben in der strengen Überwachungskamera über das Geschehen im Streckenbereich wachend, will ihn dort nicht haben. So erteilt sie einen Verweis, den der Mann noch auszuführen hat, bevor die Boliden in die Schikane einfliegen. Alle bleiben bis zu Ford-Kurve auf der Strecke, der Fotograf hinter der Leitplanke. Nun hat der Mann, oberster Streckenposten am Castrol-S, wieder knapp 4 Kilometer Pause. In dieser Gewissheit ist er ein noch netterer Mensch: „Was wollen sie denn trinken?“, erkundigt er sich in der Manier eines Oberkellners, nachdem er schon zuvor die schattige Bank vor seinem Streckenhaus für die von der Hitze zermürbte Journalistin freigegeben hat. Kein schlechtes Leben hier an der Strecke beim 32. Oldtimer-Grand- Prix, denkt sich die – schmackhafter als die Spaghetti in der Schallisolierten und deswegen akustisch sterilen Motor-Klassik-Lounge und rassiger im Abgang als die Sandwichs oben im klimatisierten Pressezentrum.
Es ist ein Platz in der ersten Reihe. Das Alter zieht nur zwei, drei Meter entfernt vorbei. Ob manchmal das Auto oder der Fahrer mehr Jahre zählt, ist schwer auszumachen. Sie sind manchmal grau – die Fahrer öfter als die Autos –, aber sie tollen herum wie die Kinder. Ein gepflegter Ruhestand fühlt sich anders an. Anders als die bebenden, bis zu 860 PS leistenden V8 der March 717-Chevrolets und McLaren M8 oder die schneidend sägenden Zweiliter Osellas des SuperSports Cup, anders als der 68er Cooper T86C (Foto) oder die extrem vorlauten Brahams, March und McLaren der F1-Baujahre 1966 bis 1979 – wie man sein Gehör schon lange vor der Rente verlieren kann, wird hier schon eindrucksvoll, aber besonders in einer der F1-Boxen im Fahrerlager demonstriert. Akustik in etwa: Kreissäge auf dem Etagenklo. Keiner, der beim Herumradieren im Grenzbereich nicht bei, aber manchmal etwas neben der Sache ist. Sie stechen ins Castrol-S, als gäbe es mindestens 35 Interpretationen der Ideallinie: Eine am Anfang ideale, dann aber sehr verfängliche, eine mit flauem Magen, die nächste mit soviel Verve, dass die ersten Zentimeter Sand neben der Strecke samt Grasnabe abgeräumt werden.
Der arg geforderte Pilot des hochbeinigen Bizzarini ringt sichtlich mit seinem Fahrwerk. Ungefähr: Titanik mit Sportfahrwerk. Heikel. Etwas Sand noch dazu, aber am Kurvenausgang fängt er sich. Gut, nicht gleich in der ersten Kurve unterzugehen. Schon deshalb gehen die Fahrer der Mustangs und der weiß-blauen Shelby GT-350 (in Ihrer Zeit keine Vorbilder für gute Straßenlage) weise vor der Kurve vom Gas. Eine jede der massiv tief grollenden Corvettes kämpft am Kurvenausgang mit einer brutalen Überdosis Drehmoment und daraus resultierend nicht weniger brutalen Traktionsverlusten.
Die etwa 35 Zoll messenden Räder und der verdammt hohe Preis sind das probateste Mittel, diese Traktion im Kreis des Bugatti-Sonderlaufs (80 Jahre Bugatti T35) nicht aufs Spiel zu setzen – einige hunderttausend Euro in die Leitplanke schicken: Es gibt schönere Momente in einem Autoleben. Überhaupt fiel bei den eingegangen Risiken im Renn-Oldie auf: je teurer desto mauer, je billiger desto wilder
So pfeifen die proletarischen Lotus Cortina der FIA-Klasse TC 13 (von 1301 bis 1600 Kubik) auf der letzten Rille. Der Mitleid erregende Abarth 1000 Berlina TCR980 (Foto) dampft schon nach ein paar Runden wie ein Topf Pasta, vernascht aber vor der Coca-Cola-Kurve trotzdem noch flott – der Appetit kommt beim Essen - einen viel potenteren Shelby Mustang. Spektakulär. Aber nicht spektakulärer als das wilde Rudel aufgebrachter Mini Cooper S, die im Dunkel des Spätrennens nach dem Hatzenbach-Bogen in die Schikane einfliegen, als wären die Piloten noch nachtblinder als vollgasfest.
Auf der Start- und Zielgerade hat Darwin dann wieder Bestand. Die großen Tiere fressen die kleinen. Nur der Stärkste obsiegt. Gnade da, wer sich des restlichen Fahrerfeldes ganz schlicht mit purerer Kraft entledigen kann. Einer dieser Königstiere, der Cobra mit laszivem Coupéaufbau, kann es und nagelt demonstrativ die gesammelte Haupttribüne mit fauchendem V8 auf die Plastiksitzschalen, um erst dann einen bei Start-Ziel noch etwas vorlauten Lotus Elan der FIA-Klasse GTS zu verfrühstücken. Die ehemaligen Gruppe 5-Ferraris 512 BB LM von 1979 lassen das Restfeld der durchsetzt antiken Ferrari (1960 bis 1981) fast wie schnöde Fiats aussehen. Der Porsche 904 degradiert die E-Types zu Sportwagen für den Dandy.
Die smarten E-Types selbst nehmen sich in der Vendetta einige wild, aber uneffektiv zappelnde 911 zur Brust – Grund genug, zur letzten Schikane vor der langen Zielgrade zu wechseln, wo die Mini Cooper und Ford GT40 noch wilder raufen. Ein Grund dafür sind auch die Steaks und das Bier im Motor Klassik-Partyzelt. Blech allein macht nicht satt. Dies zeigt sich auch wieder an der Strecke nach dem Essen – ein Aufputschmittel nach dem Dessert: „Wollen Sie einen Kaffee?“ – nett bis zur letzten Flagge, die Streckenposten beim Oldtimer-Grand-Prix 2004. (ta / er)
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