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Luxus krisenfest Autosalon Genf 2004
Vom Winde verweht - ein brutaler Gegenwind wehte am Genfer See am Montagabend vor dem Autosalon. Wettereskapaden, die die Grundstimmung in der Automobilindustrie treffend untermalen: Wenige - wie Porsche, Toyota, Peugeot - segeln mit dem Wind, viele - wie Fiat, Ford, Opel - dagegen. Die Eigenart von Krisenzeiten: Luxus ist wetterfest. Die meisten Neuheiten sind eher groß als klein, eher stark als schwach, eher schnell als langsam. Der Grundtenor: Eher Supersport- als Ecocar, eher M5 als 3L. So präsentiert sich Genf alle Jahre wieder.
Auffällig viele der Konzeptfahrzeuge und Studien standen jedoch schon mal anderswo: Hondas Concept Cars HSC (der Nachfolger des NSX), IMAS (ein Hybrid im Stil des Insight; Test) und der knochige Daihatsu D-Bone schon in Tokyo, der monumentale Jeep Rescue und der optische Gegenpol Range Stormer, die Vision eines kleinen Range Rovers, schon in Detroit.
Was blieb war Langeweile? Mitnichten. Automobile Haute Couture und Prominenz allen Orts: Luca di Montezemolo, smarter Chef von Ferrari und Maserati, parliert mal eben am Handy mit Schuhmacher oder führt eine Vertraute nach galantem Handkuss lässig vorbei an den neuen Schönen: vorbei am einnehmend flachen MC12 mit dem potenten 630 PS V12 im Heck auf dem Maserati-Stand, vorbei am eleganten 612 Scaglietti und am pistenfesten 575 GTC gegenüber bei Ferrari.
In direkter Nachbarschaft schlendern milliardenschwer Pischetsrieder (VW neu) und Piëch (VW alt) über das riesige Audi-Arreal. Am späten Nachmittag millionenschwer Ronaldo und Figo (beide Real Madrid). Fast das gesamte weibliche Standpersonal bildet eine Schutzgasse drum herum. Eine Art Hostessen-Firewall - oder die schönste mobile Trennwand von Genf.
Ronaldo nimmt Platz im neuen Murciélago Roadster, Luis Figo im gediegenen Continental GT. Der brandneue A6 hat - Innovation auf Abwegen - ein elektrisches Handschuhfach, was den Journalistentross aber wenig interessiert. Ebenso schwer fällt es, dem tristen Innenraum des gerade lancierten Corvette C6 Cabrio zu erliegen.
Dagegen ist die geile Promenadenmischung Amazon und P 1800, jenes von einem zehnköpfigen Frauenteam sinnlich karosserierte Volvo Concept Car YCC, ein fulminanter Eyecatcher. Unter der Haube sorgt ein 215 PS starker Fünfzylinder für den Fahrspaß und eine Start-Stop-Automatik für ein reines Umweltgewissen. Die Konzernmutter Ford gerät auch da ins Hintertreffen: Das hübsche Konzeptfahrzeug Visos, welches nicht als nächster Capri in Produktion gehen soll, sondern nur in Karosseriepartien künftige Modelle vorwegnimmt, stand schon im September 2003 in Frankfurt – Aufwärmen kommt nicht gut, wenn die ganze Welt hinschaut: der Unterschied zwischen Ford- und Fortschritt.
Ein anderer Volkswagenproduzent ruiniert die Verkaufszahlen seines Volumenmodells nicht allein mit dämlicher Werbung (Golf), sondern steht auch auf einer hochexklusiven Dauerbaustelle bitter unter Druck: Im Oktober 1999 wurde die Studie noch mit 18 Zylindern und 555 PS gezeigt, zwei Jahre später ein erster Prototyp mit dem Sechzehnzylinder-Motor. Im Herbst 2003 sollte der 1001 PS leistende Bugatti EB 16.4 Veyron dann ausgeliefert werden. Stattdessen lieferte und liefert der Bolide Probleme en masse: An Motor (8,0 Liter W16) und Getriebe (Siebengang-Automatik), bei Aerodynamik und Traktion. Anberaumter nächster Starttermin des eine Millionen Euro teuren Zweisitzers: Ab Jahreshälfte zwei 2005.
Das 408 PS starke Hybridfahrzeug Toyota Volta von Guigiaro (Italdesign) war im Gegensatz von vorneherein als reine Studie geplant, der auf dem Aston Martin Vanquish basierende Bertone Jet 2 mit Shootingbrake-Kombi-Karosse, je nach Zuspruch der Kundschaft, maximal für eine Kleinstserie von 20 – 25 Einheiten.
Den hübschesten Aston Martin des Frühjahres steuerte in diesem Jahr nicht Italdesign, nicht Bertone und nicht die englische Fabrikation mit dem neuen DB9 Cabrio bei, sondern Zagato mit dem nur in drei Monaten realisierten Vanquish Cabriolet. Die Nettigkeiten des Aston Martin-Personals seien nur am Rande und mit zwei Worten beschrieben: unangenehm arrogant. Wäre die langhaarige Schöne hinter ihrem Ausgabepult eine Automobilverkäuferin, man würde bei ihr kein Fahrzeug kaufen wollen.
An wieder einmal verkaufen wird bei Bitter schon seit letztem Jahr gedacht. Über die Produktion des Bitter Coupés, dem der zünftige 5,7 Liter V8 des Holden Monaro (333 bis 408 PS) implantiert wurde, sollte schon Ende März 2003 entschieden werden. In Genf sah man die Belegschaft geschlossen Zeitung lesen. Der Andrang auf das alte, neue Projekt war auch eher bedächtig – was nun Erich Bitter? Und die großen Deutschen? Der Handlauf des Treppengeländers hinauf zum Mercedes-Café fühlt sich ähnlich an wie das klobige Multifunktionslenkrad des neuen 5ers. Der CLS beweist jedoch Eigenständigkeit ohne bayerische Anleihen: Mercedes präsentierte ein formschönes, seriennahes Auto auf dem Stand und Burger & Pommes am Abend des ersten Pressetages im Automuseum direkt am Genfer Flughafen.
BMW konterte schon am Montag im Vorhinein das bekannt rustikale Daimler-Happening mit Chef Panke (erfolgreich), Designer Bangle (gewagt) und Hirschfilets in Kirschsauce (gewonnen) im Wasserwerk zu Genf – kulinarisch 1:0 für die Bayern. Nette Dreingaben am folgenden Messetag: das New Mini Cabriolet (angeboten zuerst mit 90 und 115, später auch als Kompressor-S mit 163 PS), das aristokratisch-abgehobene „Experimental Car“ Rolls Royce 100EX (16 Zylinder, 9 Liter Hubraum) und einen Kirschstrudel wie von Gott selbst.
Ähnlich vollmundig mundeten Opels opulente Mozzarella-Sandwichs, der frisch und fröhlich daher rollende Tigra TwinTop (Motoren: 90 oder 125 PS) aber nicht ohne Beigeschmack: Praktisch ist das elektrische Stahldach, etwas gedrungen dagegen die Linie. Eine Rolle vorwärts macht Rüsselsheim auch mit dem knuffigen TRIXX – leider vorerst nur ins Rampenlicht des Salons: Aufwendig die elektrisch öffnenden Pantograph-Türen, ultrakurz das Auto. Mit 3,04 Metern gerade mal 54 Zentimeter länger als ein Smart Fortwo, aber mit Sitzgelegenheiten - optimale Raumnutzung - für drei Erwachsene samt Kind.
Das ungefähre Gegenteil, was die Sinnberechtigung betrifft, repräsentiert Jeeps Concept Car Rescue. Fast so lang und schwer wie Bushs Lincoln, ist dieses Automobil trotz Dieselmotor (5,9 Liter, 325 PS) - Irak hin, Kuwait- beinahe eine dritte Kriegserklärung: Wir wollen euer Öl. Oder ist das Concept Rescue - ebenso fatal - ein Sinnbild amerikanischer Umweltpolitik?
Torpediert von einem fulminanten Furz im Gedränge der Lamborghini-Pressekonferenz weiß der Schreiber dieser Zeilen dann wovon er spricht: Man muss sie ja nicht fahren – oder fahren lassen. Diese schweren, teuren, Sprit fressenden Automobile.
Trotz dessen lassen Sport-Camper wie das EDAG Showcar genX dem Automobilisten alljährlich wieder im März das Herz aufgehen. Da ist es nicht mehr bedeutend, welche wirtschaftliche oder reale Großwetterlage in Genf nun herrscht: Was sind die 30 km/h Gegenwind am See gegen die 330 Stundenkilometer des flunderhaften Maserati MC12 – richtig und wieder: ein Furz, ein Hauch – vom Winde verweht. Weitere Informationen unter:
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