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Die Geschichte kommt wieder

Genfer Automobilsalon 2003

 

 

Sie kommen wieder die 60er Jahre: BMW hängt die Kleinwagen-Ikone der Zeit, den Mini, an die Hallendecke. Porsches Carrera GT erinnert an den legendären 917. Ford präsentiert den im Motorsport so erfolgreichen GT 40 nach knapp vierzig Jahren einfach noch einmal …- vieles im März 2003 in Genf ist schon mal irgendwo und irgendwie da gewesen, trotzdem ist alles neu, besser, evolutionär, revolutionär …

Ein passender Ort für die Präsentation eines Überfliegers. Porsche zeigte „den legitimen Nachfolger des 917 und des 959“ (Porsche-Chef Wiedeking) schon vor Beginn des Salons am alten Genfer Flughafen zwischen Gepäckband und Lachsschnittchen. Der 612 PS starke 5,7 Liter-V10, von Walter Röhrl gestartet, machte startende Jets kurzzeitig vergessen. Über 1.000 glückliche Kunden warten schon auf den 330 km/h schnellen Carrera GT, nur 1.500 Einheiten des puristischen Roadsters werden von diesem Jahr an bis 2005 zu einem Stückpreis von 452.400 Euro produziert.

 

Dreimal soviel (4.500 Einheiten) zu einem Drittel des Preises (150.000 Euro) möchte Ford vom neuen alten GT 40 absetzen. Die allzeit klassische Karosserieform von 1964 und die neuen Daten (5,4 Liter-V8, mehr als 500 PS und 500 Nm) werden die Absatzwünsche im Verkaufszahlen erden. Der GT 40 Mk V kommt zuerst in den USA (Frühling 2004), dann im Herbst in Europa (Erstes Kontingent: 80 Exemplare).

Geringe Stückzahlen, die der von Giorgetto und Fabrizio Giugiaro gestylte „Moray“ niemals erreichen wird. Das grelle Muscle-Car mit dem 400 PS leistenden 6,0 Liter-V8 unter der lasziven Haube wurde in Genf als Hommage an Amerikas amerikanischsten Sportwagen, die Corvette, auf den Stand gestellt. Mehr als die zwei ausgestellten Exemplare sind nicht geplant.

Audi plant auch. Einen Supersportwagen. Oder, was seit diesem Frühjahr noch wahrscheinlicher erscheint, einen großen Gran Turismo, der dem Nuvolari Quattro in Technik und Ausstrahlung ähneln könnte: Ein bisschen TT am Vorderwagen, ein bisschen neuer A6, was den Kühler betrifft. Dezent bis in den Space Frame. Dabei hat es der 4,8 Meter lange, harmonisch gezeichnete GT-Prototyp faustdick unter der Aluminium-Haube: Der 600 PS starke 5,0 Liter-V10-Biturbomotor beschleunigt den Nuvolari in 4,1 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Die abgeregelte Maximalgeschwindigkeit liegt bei 250 km/h. Eine mögliche Umsetzung in Serie: 2005/2006.

Opels GTC Genève („Gran Turismo Compact“) kommt schon im Herbst als neuer Astra – mit der flachen Silhouette zwar (Höhe: 1,35 Meter), aber aller Wahrscheinlichkeit nach ohne das hübsche transparente Dach. Viel früher, am 20. März dieses Jahres, wird der Markt entschieden haben, ob Erich Bitter nach langer Produzentenabwesenheit (frühere Modelle mit Opel-Mechanik: Bitter CD, SC und Type 3) mit seinem neuen Sportcoupé auf Holden-Basis (5,7 Liter-V8, 340 PS) wieder ins Rennen geht. Eine Hürde, die auch der in Marokko gefertigte Prototyp Laraki Borac noch zu nehmen hat. Der zweitürige GT, der wie eine Kreuzung der Ferrari-Modelle 575M Maranello und 456 GT anmutet, verfügt (wie der schon vor einem Jahr gezeigte Laraki Fulgura) über einen 5,5 Liter-Kompressormotor von Mercedes (500 PS).

Wie gut oder schlecht ein deutscher Großserien-Partner sein kann, zeigt sich auch beim neusten Modell aus dem Hause Lamborghini: Der Gallardo (gesprochen Ga:jardo) hat ordentlich Leistung (ebenso 500 PS) und modernste Technik unter der edlen Außenhaut (Space Frame, permanenter Allradantrieb, V10-Aggregat).

 

Trotzdem guckt er etwas trübe drein und endet auch noch etwas zu kantig. Der italienische Stier ist jetzt eben auch ein bayerischer – das sieht man. Die Portale schwingen jedoch nicht auf Audi-Geheiß konventionell. Schon vor dem Zusammenschluss der beiden Hersteller waren die nach oben öffnenden Türen den 12-Zylinder-Modellen der Marke vorbehalten.

Mit dem DC Gaia zeigt Dilip Chhabria (Gründer und Chefdesigner von DC), wie ein indischer Sportwagen aussehen könnte. Eine monumentale Front, ein bulliges Boat tail und unter der langen Haube ein zwar nicht besonders voluminöser, aber dank eines Garret GT28-Turboladers potenter Motor (1,5 Liter Hubraum, 215 PS). Macht 240 km/h – schneller als jedes Modell der indischen Automobilproduzenten Premier und Hindustan.

Noch weiter im Osten ist man (der brandneue RX-8 von Mazda macht es vor) dem „viertürigen Coupé“ verfallen. „GUT“ könnte der Gran Utility Turismo von Subaru neumodisch im Kürzel heißen. Modisch sind das Dach (Mattglas) und der Zugang der Studie B 11S (vorne und hinten angeschlagene Türen). Ebenso im Trend schickt der neue Sechszylinder-Biturbo-Boxermotor gleich 400 Pferdchen an all seine Räder. Subaru tut es sichtlich gut, dass mit Kiyoshi Sugimoto nun ein Autodesigner in der Geschäftsleitung sitzt. „GUT“ wäre es auch, den Copen vom Konkurrenten Daihatsu in Europa zu fahren: Einen zweisitzigen Bonsai-TT mit winzigem 700 Kubik-Motor (64 PS) und blechernem Cabriodach zum Preis von etwa 12.000 Euro. Ob er je nach Deutschland kommt, entscheiden Daihatsu und der Markt. Also besteht Hoffnung.

Das viersitzige Toyota Fine-S Conceptcar steht mit seiner aerodynamisch vorteilhaften Flachheit und seinem Hybridantrieb (Brennstoffzelle, Elektromotor) im strikten Gegensatz zum ungesunden SUV-Trend (Sport Utility Vehicle), auf den jetzt auch die koreanischen Hersteller kommen: Der sechssitzige Kia KCD-1 Slice taugt sowohl für Kaminholz als auch für die kurvige Landstraße. Dass auch bei seiner Entwicklung der Umweltgedanke nur am Rande gestreift wurde, offenbaren das sportive Fahrwerk und der großvolumige Sechszylinder (2,7 Liter). Auch Daewoo gönnt seinem siebensitzigen Scope 156 PS aus 2,5 Liter Hubraum und dazu einen italienischen Haarschnitt im Alfa-Stil (raffiniert kaschierte hintere Türen, Heck). Der Alfa Romeo fürs Gelände steht auch gleich in nächster Nachbarschaft.

Im Concept X, in Genf nahe dem neuen Alfa Romeo GT Coupé platziert (Markteinführung: Ende 2003, Benzinmotoren: 140, 165 und 250 PS, Dieselmotor: 140 PS), verschmelzen  SUV, MPV, 4x4 und GTI in einem schönen Stück italienischen Blech. Mit mächtigen 20-Zoll-Rädern und dem tollen 3,2 Liter-V6 taugt Alfas Trendjeep zugleich für grobe Pisten und fürs Großstadtgewühl. 250 PS, Vierradantrieb mit drei Differenzialen und Torsen-System, 400 Liter Kofferraum – ein erster SUV von Alfa.

Viel rustikaler als der schöne Alfa ist der Hoggar von Peugeot. Gleich zwei HDI-Diesel, einer vorne und einer hinten, bewältigen den Allradantrieb und bringen im Zugverband satte 800 Newtonmeter und rund 360 PS auf die Straße. Die Straße ist idealer Weise eine sonnige Sandpiste, weil die beiden Hoggar-Insassen kein Dach vor Wind und Wetter schützt. Mit seinem extremen Federweg (500 mm) nimmt der Buggy sowieso jede Düne, die ein weiteres originelles Messefahrzeug, diesmal auf dem Stand der Schweizer Firma Rinspeed, fast ebenso lässig erklimmen könnte. Mit Allradantrieb, 420 PS-Gasantrieb, 15 Zentimeter mehr Bodenfreiheit als die Basis (Porsche 911/996) und einem Namen wie ein Doppelzentner Wüstensand kein Problem. Trotzdem ist der „Bedouin“ eher eine Luxuskarosse in Lack und Leder, mit deren Verwandlungskunst sich am Genfer See jedoch einiges her machen lässt. Welches andere Automobil lässt sich in weniger als zehn Sekunden von einem zweisitzigen Pickup in einen viersitzigen Kombi verwandeln?

Volvos VVC, eine fast fünf Meter lange Luxuskombi-Studie, nicht. Auch wenn seine Laderampe elektrisch mobil ist, und auch wenn unter der Ladefläche noch Champagner (Kühlfach), Trüffelpasta (beheiztes Fach) und einige Millionen Bares Platz finden (integrierter Safe), den ultimativen Gepäckraum beim diesjährigen Genfer Autosalon präsentierte ein japanischer Hersteller: Beim Öffnen der Heckklappe des Nissan Evalia offenbaren sich 99 durchsichtige Kugeln auf dem Kofferraumboden, auf denen Gepäckstücke einfach hereingerollt werden können. Werden die Kugeln vom Gepäck nicht nieder gedrückt, sichern sie – in höherer Position – die Bagage. Einfach, aber genial, nur schlafen möchte man hinten nicht. Zu fakiresk.

Jedoch immer noch angenehmer als der Ritt auf Sbarros ultimativen Zweirad. Das trägt alles, was es braucht, auf winzigstem Raum direkt hinter der Felge des extrabreiten Hinterrads (Motor, Getriebe, Ölkühler, Batterie, Tank). Leistung: 160 PS - Münchhausen mal anders.

Ob dem italienischen Heißsporn Fornasafari RR 450 je raues Gelände zugemutet wird, obliegt dem Fahrer. Das bis zu 600 PS leistende 5,7 Liter-V8-Aggregat ist ein klares Statement für unwegsame Bergtouren, die hübsche Karosserie, im Stile der Isos und Maseratis der 60er Jahre (Front), dagegen eine eindeutige Absage an schweren Geländekontakt. Ein Grund mit dem Maxi-SUV mit 200 km/h über eine Düne zu fahren, gibt es mangels Sandbergen im Mutterland des RR 450 auch nicht. Und auch die optimistischen 280 km/h Topspeed (Werksangabe) riechen im Land der Autostrada ersterdings nach einem fulminanten Strafmandat.

Zwei weitere Kreationen vom Stiefel zitieren die gleiche schöne Zeit wie der Fornasafari. Der Pininfarina Enjoy (Basis: Lotus Elise, Leergewicht: 750 kg, Leistung: 135 PS) ist dabei eher das Fahrzeug für den jugendlichen Autofahrer, der klassische Birusa von Bertone das Auto für die Zeit danach. Der Enjoy macht Spaß, der Birusa macht Freude. Oder: Der Enjoy macht seine Insassen nass (kein Verdeck), der Birusa das Scheinwerferpaar im Rückspiegel (Motor: BMW Z8, 400 PS).

Ähnlich stark, aber käuflich sind der Castagna Auge und der Stola GTS. Beide ebenso aus italienischer Produktion, beide so genannte „custom cars“, die nur auf Bestellung und nach Kundenwunsch gefertigt werden. Der 4,5 Meter lange und viersitzige Auge hat ein Maserati-Herz (4,2 Liter-V8, 420 PS).

 

Der GTS (Basis: Porsche) ist ein eng tailliertes Cabrio wie der Pininfarina Roadster Enjoy, aber noch um einiges kraftvoller. Die 3,9 Sekunden, die der 1,26 Tonnen schwere, aber 480 PS starke Zweisitzer von 0 auf 100 km/h benötigt, belegen worum es hier geht: fahren, fahren, fahren. Mit einer herstellerseitigen Einschränkung, die sich der Besitzer gerne gefallen lässt: Nur drei Exemplare werden vom Stola GTS maximal produziert.   

Der Cadillac Sixteen, zum ersten Mal in Europa gezeigt, dürfte ein Unikat bleiben. Weil die 30er Jahre Vergangenheit sind. Und der Bugatti Royale, an den die riesigen 24-Zöller des Sixteen erinnern, ebenso. Oder ist die heutige Welt bereit für den V16-Motor, 13,6 Liter Hubraum, 1000 PS und 1355 Newtonmeter Drehmoment? Im Panzer ja, im Auto noch nicht.

Sozialverträglichere Autos wie der Chrysler Airflite erinnern da wieder an Amerikas fette und friedliche 50er und 60er Jahre. Barocke Kotflügel, ein dickes Boat tail und auch noch ein knalliges, aber fast antikes Interieur mit Holzboden. Und unter der Haube des Stretch-Crossfire ein 3,5 Liter-V6. Früher war eben alles besser. Deswegen kommt irgendwo und irgendwann auf dieser Welt alles wieder. Auch in der Automode.

  

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