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Genfer Autosalon 2002 Konzeptfahrzeuge & Kleinserie
Seit es mit dem retroperspektiven Volkswagen New Beetle nicht mehr so käfert, wie man es sich eigentlich vorgestellt hatte, ist es um das Retrodesign geschehen - könnte man meinen, lauscht man den Worten einiger Designschaffender. Könnte man aber auch anzweifeln nach dem Spaziergang über den Genfer Automobilsalon: Anleihen aus der automobilen Nachkriegszeit fanden sich hier – Retro pro oder contra - zuhauf. Um gleich bei A zu beginnen: Nicht die Mailänder Fabrica, sondern Italdesign aus Turin stellte den schönsten Alfa Romeo auf den Stand. Mit langer Haube, kurzem Mittelteil und dickem Popo. Und weitaus heißer anzuschauen als die zuvor von Giugiaro gezeichneten Alfas, wie etwa der Alfetta GT (1974) oder der Alfasud Sprint (1976). Unter der Haube ein 4,2-Liter-V8 mit 400 PS. Das, was man bei Italdesign mit dem Alfa Romeo „Brera“ noch erhofft, hat eine nordamerikanisch-schwäbische Lobpreisung auf die wilden Sechziger schon vollzogen: In Genf stand erstmals die Serienversion des Chrysler Crossfire. Etwas glatter als das Conceptcar vom Januar 2001, mit neuer Front und mit einem nur noch 215 PS starken 3,2-Liter-V6. Ab Sommer 2003 geht der in Zusammenarbeit mit Karmann (Osnabrück) produzierte Sportwagen in den Verkauf. 20.000 Exemplare jährlich, von denen über 80 Prozent dem amerikanischen Markt zugeteilt werden, sind geplant.
Produktionszahlen, die dem Keinath GT/C Cabriolet aus dem mittelhessischen Fulda nie zuteil werden - Man schnitt dem im letzten Jahr in Genf präsentierten Coupé einfach das Dach ab. Das Stoffverdeck sitzt unter der Verdeckklappe. Unter der Haube befindet sich wie beim Coupé ein 218 PS starker V-6 oder ein mächtiger 5,0-Liter-V8 mit 340 PS. Damit beschleunigt der nur 1,3 Tonnen schwere Zweisitzer in 5,8 Sekunden auf Tempo 100, ehe sich seine Besatzung bei Tempo 250 regelrecht in Luft auflöst. Eine stürmische Derbheit, die dem Irmscher Inspiro noch viel mehr eigen ist: Seine Karosserie erinnert mit den gewölbten Kotflügeln, der langen Motorhaube und der weit nach hinten gerückten Sitzposition an die wilden Lotus Super Seven der Sechziger. Für ordentlichen Zug in jeder Form sorgt der implantierte, 225 PS starke Ecotec-Motor von Opel, der mit den knapp 800 Kilogramm des Roadsters nicht viel zu schaffen hat. An eine Kleinserie wird bei Irmscher gedacht. Diesem Stadium steht der Rover TCV (Tourer Concept Vehicle), der in Genf als fahruntüchtiges 1:1-Modell den Stand füllte, noch fern. Auffällig praktisch sind die weit hinten angeschlagene Hecktür und das auffallend tiefe und bis zu 3,1 Meter lange Gepäckabteil: Eine der Konstruktionsvorgaben bestand darin, eine herkömmliche Frontlader-Waschmaschine aufrecht stehend einladen zu können. Obwohl als Lifestyle-Kombi im Stile eines Audi Allroad Quattro oder Volvo Cross-Country auf die Welt gekommen, erinnert der TCV mit der barocken Üppigkeit seiner Frontpartie an die sehr britischen Rover-Limousinen der sechziger Jahre, wie etwa den Rover 3½ Litre Saloon. Diese Überleitung zu den Sechzigern gelingt dem Bertone Novanta nur mit dem knalligen Orange seiner Karosserie. Die wahre Innovation des 200 PS starken Viersitzers verbirgt sich jedoch im Kabelbaum. Der Fahrer kontrolliert sein Auto (Gas, Schaltung, Bremse) „drive-by-wire“ per Knopfdruck am Steuerrad (SKF).
Das beste Stück eines jeden Italieners – das Handy – kommuniziert mit dem Fahrzeug und organisiert die personalisierte Abfahrt (Öffnung der Türen, Einstellungen von Klimaanlage, Radio, etc.). Bertone entwickelte den Novanta (italienisch: „neunzig“) zum Firmenjubiläum, Cadillac den noch spektakuläreren „Cien“ (spanisch: „einhundert“) ebenso. Mit seinem kantigen Äußeren und aufwendiger Technik (Infrarot-Nachtsichtsystem, Video-Rückspiegel) sticht der in Cadillacs europäischem Designzentrum in England entworfene Cien manch anderen Supersportwagen aus. Der eingebaute neue Northstar-XV12-Motor mit 750 PS Leistung und 7,5 Litern Hubraum erhebt ihn sogar über den firmeneigenen Le Mans-Rennwagen LMP 02 (ca. 600 PS). Ob der extrovertierte Ami je in Serie geht, ist mehr als fraglich. Traditionell setzt französisches Design eher auf dezente Introvertiertheit. Mit ihrem edlen, aber kargen Interieur nimmt die ansehnliche Mittelmotorstudie Peugeot RC zudem nicht wenig Anleihen an einer Zeit, in der Astronauten noch russische Hunde waren. Mit ihrer Antriebsquelle ist die französische Flunder (Höhe: 115 cm) allerdings der Zeit voraus, denn sie hat das im Heck, was die Sportwagenzunft gründlich zu verschlafen haben scheint: Den Dieselmotor. Wobei es ums Temperament geschehen sei? Mitnichten: 175 PS, Null auf 100 km/h in sechs Sekunden, Höchstgeschwindigkeit 230 km/h. Ähnliches Potential hat dank seines 193 PS leistenden 2,8-Liter-V6-Aggregats auch ein anderes viersitziges Coupé. Ungewöhnlich ist nur seine Herkunft. Der Tudor entstammt keinem englischen Adelsgeschlecht, sondern basiert auf dem Skoda Superb. An eine Produktion wird - wohl auch ein Tribut an die VW-Marken-Stallorder (Skoda gehört zum VW-Konzern) - nach Firmenbekenntnissen nicht gedacht. Bei Rinspeed verkneift man sich solche Gedanken ganz und gar, trotzdem überzeugt das ungewöhnliche Konzept: Der Presto scheint für schweizerische Zierharmonika-Orchester mit Altersschwund gebaut worden zu sein. Per Knopfdruck wird der 3,7 Meter lange Viersitzer zum knapp drei Meter kurzen Zweisitzer. Den Verwandlungstrick ermöglicht ein mittig angeordneter Elektromotor, der über zwei mechanische Spindelgetriebe das Fahrzeug in der Länge zusammenzieht. Den Antrieb des eidgenössischen Faltmobils besorgt ein 120 PS starker 1,7-Liter-Diesel von Mercedes. Das reicht für Tempo 180. Ob bei Hispano-Suiza je produziert wird, darüber entscheiden – Investor gesucht? - andere. Obwohl Zuccarelli damals im Hispano-Suiza die Peugeots im Automobilpokal von Frankreich niederrang (1910), will sich offensichtlich heute keiner mehr recht daran erinnern. Stattdessen betreibt Hispano die permanente Wiederbelebung eines verflüchtigten Mythos - Bisher wurden drei Sportwagenstudien präsentiert (HS21, K8 und jetzt der HS21-GTS), aber noch kein einziges Auto in Serie produziert.
Wahrscheinlich geht auch der 9-3X so nie in Produktion, vieles wird sich jedoch in den Saab-Serienmodellen der nächsten Jahre wieder finden. Etwa die grimmige Frontpartie oder die Panorama-Frontscheibe. Der von deutscher Hand geschaffene 9-3X (Saab-Designchef ist Michael Mauer) ist viersitzig, zweitürig, hat eine praktische zweigeteilte Heckklappe und eine ausfahrbare Laderampe wie ein Kombi, eine Ausstattung wie ein Radioladen (CD, DVD, TV, WAP …) und einen 280 PS starken Turbo-Motor wie ein Sportwagen – „Cross-Over“ nennt man das dann: Mit 250 km/h Holz holen bei Obi … warum nicht? Mit einem anderen Zeitgeistmobil, dem Nissan Yanya ginge das wahrscheinlich noch kostengünstiger. Sein Konzept ist schlichter: Quadratisch, praktisch, gut. Ein Auto für die „junge Avantgarde“ eben (Nissan). Heißt: das Auto als mobiler Lebensraum - Konsolen werden zu Tischen, in den ausgebauchten Seitentüren befinden sich integrierte Reisetaschen … Ganz flott wird der SUV (Sport Utility Vehicle) zum Cabrio, das Cabrio geschwind zum Pickup, … Ein ähnliches Konzept verkauft zwar schon Toyota seit Anfang 2000 auf dem japanischen Markt (Toyota Bb), trotzdem ist der Nissan Yanya bis auf kleine Dinge wie das Rechtecksmuster im Kühlergrill ein wunderbar vergangenheitsloses Fahrzeug – es geht also doch, ganz ohne „Retro“. (er) Weitere Informationen unter:
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