Warum ein Motorradtest in
einem Automagazin? Sehr einfach: Erstens hat fast jeder Motorradfahrer auch
ein Auto, und zweitens haben wir unser Testkrad über Verkehrswege gejagt,
die inoffiziell als Teststrecke für die Bremsentwicklung bei Prototypen
herhalten. Über die Strecke dürfen wir nichts schreiben, über die Kawasaki
Z1000 schon.
Anzug
oder Sportdress? Der Kawasaki Z1000 steht beides gut. Ansehen in der Stadt
vereint mit einer süchtig machenden Leichtigkeit auf der Landstraße. An der
Ampel ist die 200 Kilo leichte Kawa eine Eins: 127 PS bei 10.000 Umdrehungen
und 96 Newtonmeter bei 8.000 – nach mir die Sintflut, nach mir all das
automobile Blech.
Stau ist nicht ihr Ding: Das Schleichen im Standgas lässt sie hoppeln wie
den Osterhasen beim Eierverteilen - anstrengend. Das unsynchronisierte
Sechsgang-Getriebe hakelt ein wenig und fordert Kraft im Fuß.
Raus aus der Stadt, rauf auf die Landstraße. Möglichst kurvig, möglichst
bergig. Das Rennen auf kurvigen Landstraßen wirkt wahrlich berauschend. Die
Z1000 giert, sich leicht und agil in die Straßenbiegungen neigend, nach
jeder Kurve. Der Geradeauslauf ist tadellos. Nicht ein Anflug von
Behäbigkeit wie bei Yamaha XJR-1300 oder Honda X-11.
Dazu der sonore Sound aus vier Edelstahltöpfen mit Gänsehaut-Faktor und eine
Optik, die genauso anmacht: Nackt, sportlich, geduckt, emotional. Orange,
Grün oder Schwarz. Selbst der durchzugsstarke 16V-Vierzylinder hat sich mit
feinen Zierrippen schick rausgeputzt.
Das Rückrat von Kawasakis Super Naked Bike bildet ein dünnwandiger und
dementsprechend leichtgewichtiger Diamant-Stahlrohrrahmen. Die
Upsidedown-Telegabel vorne und das Uni-Track System hinten (beide in Druck-
und Zugstufe verstellbar) sowie die breiten Gummis (120/70 vorne, 190/50
hinten) verleihen der Kawasaki - heute schon das Bike an die Strecke
geklebt? - eine hervorragende Straßenlage. Letztere leidet bei einer Person
mehr nur wenig. Und der Sozius selbst? Die Sitzposition ist hoch, aber
komfortabel, nur die Griffe zum Festhalten sucht man vergebens. Den
Vorschriften ist mit einem Band quer über das Sitzkissen genüge getan, der
Fahrpraxis nicht: Der Vordermann als Stütze, was soll´s?
Den Sprit, der solche Ausritte erst möglich macht, holt sich der Motor aus
einem 18 Liter-Tank. Einspritzung und das Feuer dazu gibt’s mit Hilfe der
Elektronik. Genehmigt hat sich die Z1000 während unseres Tests
durchschnittlich 6,8 Liter Normal/100 km - nicht wirklich wenig.
Die Abgasreinigung übernehmen zwei ungeregelte Katalysatoren. Das Abgas wird
dabei nicht allein durch aufgedampftes Katalysator-Platin gereinigt, sondern
zusätzlich durch ein Nachbrennsystem. Hierbei wird dem Abgastrakt Frischluft
zugeführt, was zu einer kontrollierten Nachverbrennung des heißen Gases
führt.
Und dann ein Chokehebel? Ein Anachronismus? Laut Kawasaki dient dieser zur
Drehzahlanhebung, nicht zur Gemischbeeinflussung - na ja, vielleicht schafft
die nächstfolgende Z das in Zukunft allein.
Zeitgemäßer erfreut der kraftvolle, auf Drehmoment getrimmte Motor der
Z1000: Der Vierzylinder dreht willig hoch. Der Kraftzuwachs jenseits von
6.000 Umdrehungen und die Beschleunigung (von 0 auf 100 km/h in 3,1 s) sind
brachial. Vibrationen stören im Drehzahlbereich zwischen 6.500 und
8.500/min. Auf der Autobahn – Los der Nacktheit – vor allem der Wind: Sind
die üblichen Geschwindigkeiten zwischen 100 und 130 Km/h auf der bequem
aufgepolsterten Kawa noch eine stressfreie Angelegenheit, frischt die Brise
ab 160 dann doch merklich auf. Ab 200 km/h – nicht die bevorzugte
Reisegeschwindigkeit mit der Z1000 - kauert der Fahrer flach auf dem Tank,
um Winden in Orkanstärke so wenig Widerstand als möglich entgegen zu
bringen.
Bei
Maximaltempo 245 vertraut der Lenker ganz schlicht und archaisch auf
Armmuskulatur und Bremsanlage (hinten eine Einkolben-Scheibenbremse mit 220
mm-Bremsscheibe, vorne eine Vierkolben-Doppelscheibenbremse mit 300
mm-Scheiben).
Eine noch fulminantere Bremse ist die Marktsituation: Die neue Z1000 steht
mit 9.990 Euro in der Preisliste, bezahlen darf man sie trotzdem nicht: Die
gesamte Jahresproduktion 2003 ist bereits ausverkauft. (Guido Pickert)